An meine geliebten Töchter!

Seit ihr in unser Leben gekommen seid, erleben wir den ganzen normalen Elternwahnsinn: Stress. Sorgen. Zweifel. Viel Glück und noch mehr Liebe.  All das habe ich erwartet.

Nicht erwartet habe ich ein anderes Gefühl, das seit diesem Sommer 2019 die Kontrolle über mich übernommen hat: Angst. Eine übermächtige Angst vor eurer und um eure Zukunft hat plötzlich im Angesicht der Klimakrise alle anderen elterlichen Gefühle vereinnahmt.

Im Jahr 2050 seid ihr 36 und 32 Jahre alt. Ich weiß nicht, wie es auf unserer Erde und in unserem Land dann aussehen wird. Wie werden eure Sommer sein? Wahrscheinlich wird es in unserer Heimat Köln im wärmsten Monat fast 6 Grad wärmer sein als zu meiner eigenen Kindheit.[1] Was ist mit den Wintern? Wie alle Kinder liebt ihr den Schnee – und doch erscheint die Frage, ob eure eigenen Kinder, meine Enkelkinder, jemals im Schnee spielen können, jetzt eher unwichtig. Zweitrangig gegenüber den gravierenden Folgen, die eine drohende Klimakatastrophe mit sich bringen wird.   

Wie oft werdet ihr mit Naturkatastrophen konfrontiert? Gefährden Hitzewellen die Nahrungssicherheit nicht nur im weit entfernten Süden, sondern auch schon bei uns?[2] Hat sich die Zahl der Flüchtlinge weltweit vervielfacht?[3] Gibt es bereits Kriege um Wasserreserven und Ackerflächen? All das klingt apokalyptisch, völlig unwahrscheinlich und übertrieben, nach Klimahysterie und Angstmacherei. Doch nachdem den Klimawissenschaftlern zugehört habe, weiß ich: Diese Szenarien sind nicht nur realistisch, sondern schon innerhalb eurer Lebenszeit wahrscheinlich[4]. Der Weltklimarat ist sich sicher: Wenn wir es nicht schaffen, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen, dann wird sich das Klima wahrscheinlich um mindestens 4 Grad erwärmen und damit unsere Zivilisationen vermutlich in einen dauerhaften Katastrophenzustand versetzen[5].

Diese Wahrheit – die ich wahrscheinlich schon lange hätte kennen können, aber erst jetzt richtig verstanden habe – ist schwer zu akzeptieren. Die Wahrheit über den Klimawandel bricht mir mein Mutterherz. Am liebsten möchte ich sie verdrängen, mich lieber auf das Hier und Jetzt mit euch konzentrieren. Aber das wäre euch gegenüber unverantwortlich.

Im Jahr 2050 seid ihr so alt wie ich war, als ihr geboren wurdet. Werdet ihr selbst Kinder haben wollen – oder ist eure eigene Angst vor der Zukunft zu groß? Dieser Gedanke macht mich unendlich traurig. Werdet ihr uns dann vorwerfen, dass es uns nicht gelungen ist, den einzigen Ort, den wir zum Leben haben, für euch zu bewahren? Ihr hättet wohl das Recht dazu.

Was werde ich euch antworten, wenn ihr mich fragt, warum ich das zugelassen habe? Ich habe keine Entschuldigung. Ich bin in meinem Leben mehr als 160 000 Meilen geflogen, habe allein dadurch über 87,8 Tonnen CO2 verursacht[6] und somit 263 Quadratmeter arktisches Eis zum Schmelzen gebracht.[7] Selbst wenn ich zur eigenen Gewissensberuhigung die meisten Meilen „kompensiert“ habe – mein Beitrag zur Erderwärmung mag in der Gesamtsumme gering sein, doch er ist nicht kleinzureden. Ich kann euch dafür nicht um Verzeihung bitten. Und doch tut es mir unendlich leid, dass ich euch keinen besseren Ort zum Leben bieten kann.

Habe ich nicht gewusst, welche Folgen mein Handeln hat? Doch. Natürlich. Irgendwie. Aber ich habe das nicht ernst genug genommen. Habe die Folgen in zu weiter Ferne erwartet, habe nicht eingesehen, auf etwas zu verzichten, was doch alle tun. Ich dachte, es ginge um die Eisbären – wirklich schade, aber doch sehr weit weg – aber nicht um uns selbst. Ich habe verdrängt und nicht richtig zugehört. Doch ich verspreche euch, dass ich von nun an alles tun werde, um zu retten, was noch zu retten ist. Fernreisen, Fleisch, Autofahrten, neue Klamotten – das meiste davon brauche ich eigentlich nicht für ein gutes Leben. Das Einzige was ich brauche, ist die Gewissheit, dass es meinen Kindern gut gehen wird.

Aber wir haben uns auch einlullen lassen – von wohlklingenden Klimaabkommen und vielen leeren Versprechen. Nach Paris 2015 habe ich geglaubt, es sei alles unter Kontrolle. Die Staaten werden alles dafür tun, dass wir die 1,5 Grad nicht überschreiten. Wie unendlich naiv von mir.

Deshalb mischt sich unter meine Angst und meine Trauer noch etwas anderes: Wut. Eine große, verzweifelte Wut auf all diejenigen, die die Macht haben etwas zu ändern, und es doch nicht tun. Die Abkommen unterzeichnen, um uns in Sicherheit zu wiegen, und dann doch nicht handeln. Die über „wirtschaftliche Entwicklung“ reden, obwohl sie den Profit von Wenigen meinen, oder über 20000 Arbeitsplätze, obwohl es um das Leben von Milliarden Menschen geht. Die auch im Angesicht der drohenden Katastrophe nicht handeln und Entscheidungen hinauszögern, obwohl die Zeit davonrennt. Diejenigen, die „Freiheit“ hochhalten und damit nur ihre eigene meinen.

Ich werde nicht akzeptieren, dass Profitgier und Egoismus euch eure Zukunft nehmen. Ich werde nicht zusehen, wie die Mächtigen die Zerstörung der Erde vorantreiben, zulassen oder ignorieren als gäbe es kein Morgen. Ich werde kämpfen, denn diesen Kampf können wir nicht euch überlassen. Ich hoffe, dass noch viel mehr Eltern dieser Welt das auch tun werden, denn ich glaube daran, dass wir die Katastrophe noch abwenden können[8] – alles andere wäre zynisch gegenüber eurem Leben.

Im Jahre 2040 seid ihr 26 und 22 Jahre alt. Bis dahin müssen wir emissionsfrei sein[9]. Es klingt unmöglich und es ist gleichzeitig alternativlos. Ich bete jeden Tag darum, dass wir an jenem Silvester darauf anstoßen werden und sagen können: „Wir haben es geschafft“. Bis dahin werde ich so laut rufen, wie ich kann. Die Angst in meinem Herzen macht mich zur Kämpferin und wenn es sein muss zur Rebellin. Ab jetzt und so lange es notwendig ist.

In Liebe


[1] Studie der ETH Zürich. Vgl. https://www.nationalgeographic.de/umwelt201907australische-sommer-berlin-klimaprognose-fuer-das-jahr-2050

[2] https://www.tagesspiegel.de/politik/hitzewellen-duerren-extreme-regenfaelle-weltklimarat-haelt-sichere-versorgung-mit-lebensmitteln-fuer-gefaehrdet/24883242.html

[3] https://www.tagesspiegel.de/politik/weckruf-der-weltbank-140-millionen-klimafluechtlinge-bis-2050/21091728.html

[4] Zum Beispiel dem australischen Klimaforscher Will Steffen: https://www.youtube.com/watch?v=OzQsjuzr3_M&feature=youtu.be oder https://www.zeit.de/kultur/2018-10/klimawandel-schuld-anerkennung-klimakrieg-weltklimakonferenz/seite-2

[5] https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2018-08/klimawandel-erderwaermung-duerre-risiko-klima-forschung-kippelemente

[6] Berechnung nach atmosfair.de

[7] https://www.scinexx.de/news/geowissen/drei-quadratmeter-eis-pro-tonne-co2/

[8] Und andere glauben das auch: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/warum-klima-defaetismus-nichts-weiter-ist-als-eine-ausrede-fuers-nichtstun-a-1287228.html

[9] Will Steffen: https://www.youtube.com/watch?v=OzQsjuzr3_M&feature=youtu.be, nachzulesen unter https://www.pnas.org/content/115/33/8252

3 Kommentare zu „An meine geliebten Töchter!

  1. Vielen Dank für den bewegenden Brief.
    Er bringt Gedanken auf den Weg zu ‚deep adaptation‘, zur umfassenden Akzeptanz, und Anpassung und zu angemessenem Handeln und Widerstand im Zeitalter der Klimakatastrophe.
    Solidarität aus Sansibar.

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  2. Dieser Brief ist mir aus der Seele geschrieben. Ähnliche Briefe habe ich an mein noch ungeborenes Enkelkind geschrieben.
    Meine Trauer, Angst und Scham bleiben trotzdem unbeschreiblich.
    Und meine Wut auf alle Leugner, Nicht-Wissen-Woller und Politiker riesig.
    Danke, dass Sie Ihre Gedanken mit uns geteilt haben (mitgeteilt haben).

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